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„El denso frenesí brahmsiano“

Eine „dichte Brahms`sche Ekstase“ erlebte ein spanischer Kritiker im Auftaktkonzert zur Spanien-Tournee der Philharmoniker in Madrid. Ein Reisebericht

1. Tag: Madrid. Ein kühler, aber sonniger Tag begrüßt uns, nachdem wir am Vorabend bei leichtem Schneefall in Hamburg den Flieger nach Madrid bestiegen hatten. Rund 90 Musikerinnen und Musiker sowie ein begleitendes Team bestehend aus Orchestermanagement, Orchesterwarten und einer Ärztin sind bereit für den Tourneeauftakt in Spaniens Hauptstadt. Erster offizieller Programmpunkt: die Anspielprobe am Nachmittag. Den freien Vormittag nutzen viele Orchestermitglieder zur kleinen Stadtbesichtigung: Spazierengehen im nahegelegenen Retiro-Park, ein kurzer Besuch im Prado oder eine spontan organisierte Führung durch das prunkvolle Teatro Real, wie sich aus den Gesprächen auf der Busfahrt vom Hotel zum Konzertsaal vernehmen lässt.

Am 2.324 Plätze fassenden Auditorio Nacional de Música haben die Orchesterwarte bereits den aus Hamburg eingetroffenen LKW in Empfang genommen und ausgeladen. Instrumentencases, Frack-Kisten, Noten, Bass- und Paukenstühle müssen ausgepackt und die Bühne eingerichtet werden. Ein Ablauf, der in umgekehrter Reihenfolge am späten Abend und ab jetzt täglich erfolgen wird.

Das Auditorio Nacional de Música in Madrid.
Das Auditorio Nacional de Música in Madrid.

Auch Kent Nagano und Solistin Veronika Eberle sind bereits auf der Bühne, als die Konzerthaus-Intendanten und Tourneeveranstalter Llorenç Caballero Pàmies und Alfonso Aijón die Hamburger Gäste begrüßen. 45 Minuten Anspielprobe, 60 Minuten Pause, dann das erste Konzert: Eine kurze Auftragskomposition des spanischen Komponisten Jesús Rueda („Staircases“), danach Brahms' Violinkonzert und nach der Pause seine 4. Symphonie. Der Saal mit den vier prunkvollen goldenen Kronleuchtern über der Bühne – die auch eine schalltransportierende Funktion haben dürften – klingt sehr direkt und ist voll besetzt.

Noch im letzten Ton setzt sofortiger Applaus ein, auch etwas, was sich bei den folgenden Konzerten wiederholen wird. Als Zugabe folgt der Ungarische Tanz Nr. 5. Ganz Hamburger Botschafter spielen Nagano und die Philharmoniker ein durch und durch Hamburgisches Programm, denn auch Ruedas „Staircases“ ist eine Brahms-Hommage. „El denso frenesí brahmsiano!“ – Der Auftakt in Madrid ist gelungen!

Veronika Eberle ist Solistin im Violinkonzert von Johannes Brahms. (Foto: Rafa Martín)
Veronika Eberle ist Solistin im Violinkonzert von Johannes Brahms. (Foto: Rafa Martín)

2. Tag: Oviedo. Morgens: Flug vom Zentrum der Iberischen Halbinsel ins nördliche Asturien, wo uns bereits bei der turbulenten Landung nahe des rauen Atlantik ein für die nächsten 24 Stunden anhaltender Dauerregen empfängt. Mit drei Reisebussen geht es durch grüne und teilweise überschwemmte Landschaften nach Oviedo. Hier reicht die Zeit für ein spätes Mittagessen und eine kurze Erholung, bevor die Busse zum Konzertsaal abfahren.

Das Auditorio Príncipe Felipe aus dem Jahr 1999 ist auf einem historischen Wasserspeicher aus dem 19. Jahrhundert errichtet. Der Ablauf wie am Vortag: Anspielprobe, Pause, Konzert. Als Zugabe heute eine Uraufführung: „Blue Port“ von Philharmoniker-Solokontrabassist Stefan Schäfer – eine weitere Hamburger Komposition inklusive „Veermaster“-Zitat!

Solo-Kontrabassist Stefan Schäfer nach der Uraufführung von „Blue Port“ in Oviedo.
Solo-Kontrabassist Stefan Schäfer nach der Uraufführung von „Blue Port“ in Oviedo.

3. Tag: Santander. Per Bus geht es nach dem Frühstück in den rund 200 Kilometer entfernten mondänen, aber zu dieser Jahreszeit touristisch wenig besuchten Badeort direkt an der felsigen Atlantikküste. In der weiten Strandbucht nutzen viele Orchestermitglieder die Gelegenheit sich die Gischt um die Ohren wehen und die tosende Brandung auf sich wirken zu lassen. Der stark zunehmende Regen macht leider den Promenadenspaziergang zum Konzertsaal unmöglich, also geht es am Nachmittag per Bus zum im Hafen gelegenen Palacio de Festivales de Cantabria.

Der wie eine Mischung aus Tier und monumentalem Quader anmutende Bau aus dem Jahr 1990 ist multi-funktional und wird auch für Theater, Oper und Musicals genutzt. Doch auch hier klingt Brahms großartig: Die Strenge und Wucht der Brahms` schen Kompositionen passen tatsächlich erstaunlich gut zum – hier muss zugegebenermaßen ein Klischee bemüht werden – „stolzen“ Spanien.

Der Palacio de Festivales de Cantabria.
Der Palacio de Festivales de Cantabria.

4. Tag: Reisetag. Vom Norden der Iberischen Halbinsel reist das Orchester in die südlichste Region des Landes, über Madrid geht es auf die Kanarischen Inseln, insgesamt zwei Flüge, zwei Bustransfers und mehrere Stunden an Flughäfen in Santander, Madrid und Teneriffa – wohin leider die Koffer zweier Orchestermitglieder ihren Weg nicht finden und deren Besitzern weitere unliebsame Wartezeit bescheren. Doch trotz der langen Reise ist die allgemeine Stimmung sehr gut, das laue Klima Teneriffas hat ebenso seinen Anteil daran wie die für diesen Abend geplante Einladung von Generalmusikdirektor Kent Nagano zum gemeinsamen Essen.

5. Tag: Santa Cruz de Tenerife. Strahlender Sonnenschein, milde 20 Grad und ein freier Vormittag! Einige Musiker suchen den nahe gelegenen Strand auf, andere genießen die Sonne in einem der vielen kleinen Parks der hübschen kolonial geprägten Stadt, die mit einem futuristisch anmutenden Highlight aufwartet: dem Auditorio de Tenerife, ein an die Sydney-Opera erinnerndes spektakuläres Konzerthaus des Stararchitekten Santiago Calatrava. Das am Hafen gelegene Gebäude ist bereits tagsüber Anziehungspunkt für flanierende Touristen und auch einige Hamburger Philharmonikergrüppchen sind hier bereits anzutreffen. Wie auch die folgenden zwei Konzerte findet das Konzert im Rahmen des „Festival de Música de Canarias“ statt.

Das Publikum ist im Gegensatz zu den letzten beiden Gastspielen sehr gemischt, überwintern doch viele Nordeuropäer auf der größten der Kanarischen Inseln. Die Instrumente sind am Vortag vom Hamburger LKW ins Frachtflugzeug verladen worden und sicher auf die Insel gelangt, die Organisation ist professionell und die Atmosphäre entspannt. Am Abend beim Konzert: wahre Begeisterungsstürme und Standing Ovations!

Die Cellisten Markus Tollmann und Tobias Bloos vor dem Auditorio de Tenerife.
Die Cellisten Markus Tollmann und Tobias Bloos vor dem Auditorio de Tenerife.

6. Tag: Las Palmas de Gran Canaria. Deutlich früher als an den Tagen vorher geht es nach einer kurzen Nacht von Teneriffa auf die Nachbarinsel Gran Canaria. Das Orchester reist in zwei Gruppen, denn die Inselhopper sind kleiner als die vertrauten Mittelstrecken-Flieger. Der Konzertsaal in Las Palmas ist ebenfalls ein Hingucker und erinnert an einen Leuchtturm. Ungewöhnlich, aber der Akustik nicht abträglich: direkt hinter der Konzertbühne bietet ein Panoramafenster den Blick aufs Meer – was für ein Konzert! Sowohl für das Publikum wie auch für das Orchester ist der Abend nicht nur akustisch ein Genuss!

Anspielprobe mit Meerblick: im Auditorio Alfredo Kraus auf Gran Canaria.
Anspielprobe mit Meerblick: im Auditorio Alfredo Kraus auf Gran Canaria.

7. Tag: Fuerteventura. Wie am Vortag geht es morgens in zwei Gruppen auf die ca. 40 Flugminuten entfernte Insel Fuerteventura. Da die Entfernungen zwischen Flughafen, Hotel und Konzertsaal hier relativ weit sind, bleibt heute nur wenig freie Zeit, dafür kommt in dem direkt am Meer gelegenen Hotel zumindest etwas Urlaubsstimmung auf. Bereits um 17 Uhr fährt der Bus in Richtung Inselhauptstadt Puerto del Rosario.

Inselhopping auf den Kanaren.
Inselhopping auf den Kanaren.

Der Palacio de Formación y Congresos ist ein im Jahr 2015 entstandenes futuristisches Gebäude aus schwarzem Lavastein und bildet einen tollen vorläufigen Abschluss der Tournee, zumindest was die spanischen Destinationen angeht.

8. Tag: Reisetag. Die Spanientournee ist vorüber, aber es geht nicht auf direktem Weg in die Heimat, sondern für ein letztes Konzert ins Schweizerische Basel. Also wieder: Busfahrt – Flughafen – Flug – Busfahrt – Hotel.

9. Tag: Basel. Der Vormittag steht zur freien Verfügung und viele Musiker nutzen den letzten Tourneetag für etwas Sightseeing und kleine gemeinsame Unternehmungen in der schönen Stadt am Rhein. Wegen Erweiterung und Umbau des Stadtcasinos, des prunkvollen historischen Basler Konzerthauses – was übrigens die in Hamburg gut bekannten Basler Architekten Herzog & de Meuron realisieren – spielt sich das Basler Konzertleben momentan jedoch im Musical Theater der Stadt ab.

Abschlusskonzert im Musical Theater Basel.
Abschlusskonzert im Musical Theater Basel.

Aber das Basler Publikum ist mit dem Ort vertraut und so bildet das Konzert einen würdigen Abschluss der Gastspielreise. Nicht nur Kent Nagano und Veronika Eberle, sondern auch die Philharmoniker sind beglückt und hoch zufrieden. Während die Instrumente noch am Abend per LKW auf Rückreise gehen, fliegt das Orchester erst morgen zurück nach Hamburg, wo in einigen Tagen die nächste Premiere ansteht: Orphée et Eurydice an der Staatsoper.

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