Left
  • Foto: Monika Rittershaus
Right

Reine Gänsehaut-Momente

Interview mit Rainer Leisewitz

Rainer Leisewitz war seit 1989 Mitglied der Philharmoniker. Als Solokontrafagottist hatte er eine besondere Stelle inne, ist doch das Kontrafagott ein eher seltenes Musikinstrument. Neben seiner Orchestertätigkeit gibt der Herzblutmusiker als Dozent und engagierter Pädagoge sein Können an die nächste Musikergeneration weiter. Im Ruhestand will er sich noch intensiver seinen ungewöhnlichen Hobbys widmen.

Sie waren 30 Jahre Mitglied der Philharmoniker. Bereits Ihr Vater war Fagottist im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Neben dem reinen Orchesterspiel haben Sie sich auch in verschiedenen Funktionen für das Orchester engagiert, waren Orchestervorstand und Education-Beauftragter. Wie viel Wehmut steckt in so einem Abschied?

Große! Ich liebe es Musik zu machen, das war mein Traumjob. Die Staatsoper und das Staatsorchester waren für mich als kleines Kind schon etwas ganz Großes und mir ist es vergönnt gewesen da spielen zu dürfen. Vorher war ich 13 Jahre Solofagottist der Hamburger Symphoniker. Musik zu machen, das ist für mich ein riesiges Glück.

Sind Sie durch Ihren Vater zum Fagott gekommen?
Eigentlich nur indirekt. Ich war ja lange Jahre Geiger, habe mit 6 Jahren angefangen Geige zu spielen bis zum Alter von 19, war Mitbegründer und Konzertmeister des Landesjugendorchesters Hamburg, ehemals HJO. Dann bin ich zur Bundeswehr gekommen und habe im Musikkorps als zusätzliches Instrument Fagott gelernt. Ich habe dann bei meinem Vater zwar noch etwas Anfängerunterricht bekommen, bevor er gestorben ist, aber unsere beruflichen Wege haben sich bedauerlicherweise nie gekreuzt.

Gibt es einen großen Unterschied zwischen Fagott und Kontrafagott?
Das Kontrafagott ist eigentlich ein eigenständiges Instrument. Man benötigt andere Rohre, andere Griffe, eine andere Blasart und es gehört nur der gleichen Familie an. Die Frühform des Kontrafagotts, ein ziemliches Ungetüm, wurde tatsächlich schon von J. S. Bach in seiner Johannespassion besetzt.

Häufiger besetzt wurde es dann aber erst später?
Haydn und Beethoven haben es auch schon besetzt und je weiter man in die jüngere Musikgeschichte schaut, desto anspruchsvoller werden die Partien. Mahler-Symphonien sind schon sehr anspruchsvoll und das Schwerste, was ich für Kontrafagott kenne, ist Schönbergs 1. Kammersymphonie oder die fast unspielbare Partie in Moses und Aaron.

Gibt es das „eine besondere Erlebnis mit dem Orchester, das Sie als das Highlight Ihrer musikalischen Karriere bezeichnen würden?
In meiner Karriere habe ich viele Highlights erleben dürfen: Konzerte in Hamburg z. B. mit Sawallisch, Sinopoli, eine Vorstellung mit Eugen Jochum, Gala-Vorstellungen mit Domingo oder Pavarotti. Oder auch die Götterdämmerung mit Petrenko oder „Sacre“ mit Mehta (beides in München), Konzerte bei den Proms in London mit Metzmacher und auch Norrington und dem SWR. Einer der absoluten Höhepunkte war die „Arche“ mit Nagano im Rahmen der Elbphilharmonie-Eröffnung. Ich fühle mich wirklich geehrt und glücklich, dass ich das erleben durfte ... reine Gänsehaut-Momente.

Sie haben sich sehr im Educationbereich des Orchesters engagiert, sind über Jahrzehnte mit Ihren Kollegen in Hamburger Schulen gegangen und haben Ihr Instrument und Repertoire vorgestellt. Wie bekommt man heute noch Kinder und Jugendliche dazu ein klassisches Instrument zu erlernen?
Wichtig war mir immer der direkte Kontakt zu Kindern. Um Kinder und Jugendliche an Instrumente zu bringen, muss aus meiner Sicht erst mal das Vorurteil überwunden werden, dass das etwas Exotisches ist. Viele Kinder fühlen sich am Anfang unsicher. Wenn man Kindern ein Instrument in die Hand gibt, dann weckt man in der Regel auch das Interesse Töne darauf zu spielen. Ich denke, das ist der erste wichtige Schritt. Als ein verantwortungsvoller Lehrer muss man dann die Gratwanderung hinkriegen, etwas beizubringen und Spaß zu vermitteln und auf der anderen Weise auch Verständnis dafür haben, dass es auch ganz viele andere Interessen bei Kindern und Jugendlichen gibt und Musik vielleicht nicht die höchste Priorität hat. Und selbst wenn später kein Profimusiker aus dem Schüler wird, dann ist der Kontakt mit der Musik eine wichtige Grundlage für den Rest des Lebens.

Auch Sie haben neben der Leidenschaft für die Musik viele weitere Interessen: Sie sind Inhaber einer Berufspilotenlizenz und in einem selbst renovierten mecklenburgischen Gehöft sammeln Sie Oldtimer. Wie kam es dazu?
Die Fliegerei hat schon immer mein besonderes Interesse geweckt. Ich bin als Kind mit meinen Eltern zum Flughafen auf die Aussichtsterrasse gefahren, habe im Anflug unter der Landebahn gestanden. Das war für mich auch ein alternativer Berufswunsch. Bei der Bundeswehr habe ich mich auch zur Luftwaffe gemeldet mit dem Hintergedanken über den Umweg der Militärfliegerei eine Berufspilotenlaufbahn bei der Lufthansa einzuschlagen, wenn es mit dem Musikkorps nicht geklappt hätte. Dann hat sich aber doch eine Musikerkarriere ergeben. Als ich dann eine tolle Familie und ein Haus hatte, meine Karriere in trockenen Tüchern war, habe ich in meiner Freizeit mehrere Ausbildungen absolviert, inklusive Kunstflug, Wasserflug, Instrumentenflug usw. und schließlich meine Berufspilotenlizenz erworben und das eine Zeitlang auch parallel zum Musikerberuf ausgeübt.

Und die Oldtimer?
Mein Interesse für Oldtimer kommt u. a. daher, dass ich bereits in der Schule ein eigenes Auto hatte, einen kaputten Käfer, Baujahr 1957, den ich für 80 Mark gekauft und repariert habe. Der Großteil meiner Sammlung besteht aus Renault R4, eines der interessantesten Fahrzeuge der Automobilgeschichte. Gemeinsam mit einem Freund habe ich eine alte Scheune gekauft und gelegentlich bekommen wir Besuch von Automobilclubs und Oldtimer-Liebhabern. Prunkstücke der Sammlung sind neben den R4 ein 57er Chevy Bel Air und ein Jaguar E-Type — eine Ikone des Automobilbaus —, der auch noch zu restaurieren ist und darauf freue ich mich schon sehr!

Das Gespräch führte Hannes Rathjen

powered by webEdition CMS