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Das ist eine Welt, die zu mir gehört.

Interview mit Bettina Rühl, Oktober 2019

Bettina Rühl ist seit rund 18 Jahren Bratschistin im Philharmonischen Staatsorchester und bezeichnet sich selbst als „Operntier“. Die Begeisterung für Kammermusik teilt sie mit ihrem Mann. Im Sommer spielt sie häufig bei den Bayreuther Festspielen: in der unverbrauchten fränkischen Landschaft rund um den sagenumwobenen Fichtelsee und mit Wagner im sogenannten „mystischen Abrund“.

Sie kommen gerade aus der Probe fürs 1. Kammerkonzert, wo Sie mit Philharmoniker-Kollegen und Ihrem Mann Musik von Beethoven und Brahms spielen. Sie haben zwei Kinder und einen Hund. Wie schafft man es als Musikerin Familie und Beruf zu vereinbaren?
Man muss für den Job brennen. Es ist auch nur zu ganz geringen Teilen „ein Job“. Ich empfinde das für uns wie eine zweite Muttersprache. Das ist eine Welt, die zu mir gehört. Da wird eine Sprache gesprochen, die über Grenzen hinausgeht. Und diese Sprache lernen die Kinder automatisch mit, auch den Kontakt zu Menschen aus anderen Kulturen. Dass man für Musik zusammenkommt, ohne viel zu reden und schnell Gemeinsames findet. Da die Jungs inzwischen auch Instrumente spielen, muss ich, um Ruhe zu finden, schon mal an die frische Luft gehen. Und die Ruhe ist wichtig, wenngleich unser Dienst ja auch so besonders ist, dass wir nur eine Sache machen und nicht „multitasking“ unterwegs sind, das gibt es als Beschäftigung ja kaum noch. Ruhe finde ich auch mit Yoga und beim Laufen. Aber auch Fußball spielt bei uns eine Rolle! Ich bin stolz, wenn der eine Sohn begeistert von einem Gastdirigat Kent Naganos bei seinem Jugendorchester (Felix Mendelssohn Jugendorchester) erzählt und der andere mit großem Eifer Fußball spielt. Das „normale Leben“ braucht ebenso Platz und ist Ausgleich für die intensiven Arbeitszeiten.

Woher nimmt man nach einer intensiven Spielzeit die Kraft anstelle eines Urlaubs die Sommerpause im Festivalorchester in Bayreuth zu verbringen?
Es ist ein Glück dabei zu sein! So fühlt es sich einfach an, trotz der Anstrengung. Als die Anfrage kam, musste ich einfach zugreifen. Klar, ohne Unterstützung der Familie geht das nicht, aber auch die kommt in der fränkischen Schweiz auf ihre Kosten. Die Nähe zu den Künstlern, gemeinsame Ausflüge, Fußball usw. Der Zauber aus dem Festspielhaus erstreckt sich auch auf die Natur drum herum. Hier kann man noch Sagen und Geschichten erzählen.

Ist Bayreuth für Opernorchestermusiker das höchste der Gefühle?
Ich würde mich schon als richtiges Operntier bezeichnen, ich liebe es Oper zu spielen, gut geprobt und dann spontan die Figuren auf der Bühne zum Leben zu erwecken. Wir formulieren ja besonders bei Wagner die Gefühle der Welt der Bühne. Das ist schon toll, wenn man mit einem Orchester aus ganz Deutschland zusammensitzt und einen Sommerklang bildet, einen Klang formt, der nur in dieser Besetzung so ist. Es kommen Kollegen aus verschiedensten Orchestern. Dresdner, Kölner, von kleineren Häusern, Berliner Philharmoniker, Bayrischer Rundfunk, einzelne aus Österreich und sogar aus Paris. Das ist schon etwas ganz besonders, Oper an einem Ort zu spielen, der nur im Sommer zu so einer großartigen Bühne wird.

Herrscht in Bayreuth wirklich dieser besondere Geist?
Man fühlt sich ein bisschen wie im Museum und bringt es aber wirklich zum Leben! Dieser Graben, die alten Stühle, es ist unglaublich eng, man sitzt ja anders als im normalen Orchestergraben, man hört verschiedene Stimmen ganz anders und das ist unglaublich kammermusikalisch, was da passiert. In meinem ersten Jahr habe ich den kompletten Ring mit Petrenko spielen dürfen und das war sicher das tollste, was ich habe erleben dürfen: Wirklich Kammermusik im Orchester!

Ist der Orchestergraben, der „mystische Abgrund“, wirklich so eng, heiß und laut?
Ja! Das ist wie ein abfallendes Amphitheater. Die Geigen und wir Bratschen sitzen oben. Es geht tief runter. Das ist schon etwas Mystisches, nicht nur vom Stoff her.

Sie sind eine engagierte Kammermusikerin, waren u.a. Vorsitzende der Kammermusikkommission des Philharmonischen Staatsorchesters und sind regelmäßig im Kammerkonzert zu erleben. Woher kommt diese Leidenschaft für die Kammermusik?
Ich bin über die Beethoven-Streichquartette, gespielt vom Alban Berg Quartett 1987, zur Bratsche gekommen, vorher hatte ich Geige gespielt. Ich habe im Konzert gesessen und gedacht, wow – was die Bratsche da Weltbewegendes zu tun hat! Wie die sich bewegt, was die mir für Geschichten zu erzählen hat – das hat mich stark beeindruckt und dann habe ich zur Bratsche gewechselt. Für mich ist die Kammermusik das, wo man wirklich eine Rückmeldung bekommt für das eigene Spiel, das hält einen im Lot. Im Orchester muss man sich ja größtenteils sehr zurücknehmen, damit man das gesamte Ganze mittragen kann. Die Präsenz und Energie dafür, das übe ich in der Kammermusik.

Was erwartet uns im 3. Kammerkonzert Anfang Januar 2020?
Im Januar spielen wir u. a ein Mozart-Streichquartett und das Beethoven-Sextett mit den zwei Hörnern. Und gerade da ist es z.B. so wichtig, dass wir gleichzeitig beginnen, Streicher und Hörner. Ohne Dirigent. Dass man das spürt, das gemeinsame Beginnen übt, das Publikum teilhaben lässt. Diese besondere Energie, dass man gemeinsam atmet, ist ein wesentlicher Faktor für das Transportieren der Musik.

Fahren Sie mit nach Japan und worauf freuen Sie sich besonders?
Ich freue mich sehr auf die Tournee. Ich freue mich mit dem Orchester gemeinsam unterwegs zu sein. Das gibt sehr viel gute Impulse. Ich freue mich auf die Säle, denn seit wir in der Elbphilharmonie spielen und dort auch ein klangliches Zuhause gefunden haben, gehe ich viel sensibler mit Akustik um, auch mit meinem eigenen Klang. Ich bin richtig neugierig, wie die Säle dort klingen. Ich werde das erste Mal in Japan sein, habe mir ein Buch gekauft über japanisches Ikigai, was für Japaner so viel heißt wie „das, wofür es sich zu leben lohnt“.

Das Gespräch führte Hannes Rathjen

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