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Mikrokonzerte

Ein Projekt von Kent Nagano

Jede Krise birgt in sich die Möglichkeit der Erneuerung. Unsere Musik – eine Antwort auf die Gegenwart, Erinnerung an die Vergangenheit, Vision einer möglichen Zukunft – kann uns trösten oder warnen; sie kann auch unsere Widerstandskraft feiern.

Die Mikrokonzerte bilden eine kollektive Komposition. Konzipiert wurden sie während der Coronakrise, die uns zwang, Opern- und Symphonieprogramme beiseitezulegen und uns auf den Bereich der Kammer- und Solomusik zu konzentrieren. Mit den Mikrokonzerten wollen wir Klassische Musik online erfahrbar machen und dabei völlig neue Wege gehen. Visualisiert wurden die fünf Programme von internationalen Videokünstler*innen: Luis August Krawen, Jonas Englert, Zbig Rybczyński/Dorota Zglobicka, Kamila B. Richter/Michael Bielicky und Virgil Widrich.

Mehr über das Projekt

Krise und Erneuerung, 2020-2021
von William Kinderman

Jede Krise birgt in sich die Möglichkeit der Erneuerung. Unsere Musik – eine Antwort auf die Gegenwart, Erinnerung an die Vergangenheit, Vision einer möglichen Zukunft – kann uns trösten oder warnen; sie kann auch unsere Widerstandskraft feiern.

Diese fünf Programme bilden gemeinsam eine kollektive Komposition. Konzipiert wurden sie während der Coronakrise, die uns zwang, Opernprogramme beiseitezulegen und uns auf den Bereich der Kammer- und Solomusik zu konzentrieren.

Sie erzählen eine Geschichte des Fragens, der Reflektion, der schmerzhaften Bewusstwerdung, der Überwindung – eines Ankommens in einer wiederhergestellten, aber veränderten neuen Realität.

Die Komponenten sind alt, aber die Bedeutung ist frisch. Wie Syrinx – die Nymphe, die von Pan verfolgt wurde – sind Musiker und Musikerinnen ins Schilf gejagt worden, aber sie sind wieder hervorgekommen und spielen wieder ihre Instrumente, betören uns und triumphieren über die Widrigkeiten. Claude Debussys bemerkenswertes Stück für Soloflöte, Syrinx, das er kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs komponierte, erinnert uns daran, wie ein einziges Instrument eine essenzielle menschliche Stimme verkörpert.

Vor Debussy stellte bereits Robert Schumann die Frage „Warum?“ in seinen Fantasiestücken. Er unterteilte sein künstlerisches Selbst in eine extrovertierte und eine introvertierte Seite, die er Florestan und Eusebius taufte. Schumanns „Warum?“ diente als pointierte Kritik an der unbändigen Selbstüberschätzung Florestans. Es ist eine politische Botschaft – ein sanftes Hinterfragen, eine Einladung zum Teilen, eine Zurückweisung von Machtpolitik, ein Plädoyer für Mitgefühl.

Wenn die stets sich verändernde Welt sich unserer Kontrolle entzieht, hilft Musik uns dabei, Veränderungspotenzial zu imaginieren. Eine einzige Seite Beethoven-Noten nimmt musikalische Konvention – wie alltägliche Lebensgewohnheiten – und verleiht ihr unerwartetes kreatives Feuer, das die Musik in unser Gedächtnis einbrennt.

In „Von der Jugend“ aus Gustav Mahlers Lied von der Erde, von Arnold Schönberg in eine Kammermusikfassung gebracht, wird zuversichtliche Lebenslust verwandelt bei den Worten „wunderlich im Spiegelbilde“. Dieser Moment gleicht Schumanns „Warum?“ – einer Frage, die sich so viele während der Pandemie gestellt haben. Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, die selbst auf Risiken verweist, die Stärke und Widerstand verlangen. Olivier Messiaens „Tanz der Raserei“ im Quatuor pour le fin du temps – geschrieben im schicksalsträchtigen Jahr 1941 – befasst sich mit solchen Realitäten. In seinen furchterregenden, eckigen Fortissimo-Linien, seinem respekteinflößendem, harten Klang ist es unerbittlich: Musik aus Stein.

Erneuerung und Jubel bestimmen die letzte Phase dieses kollektiven Projekts des Jahres 2021. Die ansteckende Lebendigkeit von Rebonds B von Iannis Xenakis erinnert uns daran, wie eine künstlerische Welt aus einem perkussiven Fundament erwachsen kann, genau wie Beethoven im ergreifenden Übergang zum Finale seiner Fünften Symphonie sein fragiles Kopfmotiv in den Pauken versteckt, wo es die Gelegenheit zum positiven Durchbruch erwartet. Wie Friedrich Hölderlin einmal festhielt: „Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch.“ Die Verstreuung der Musiker*innen während der Pandemie enthielt letztlich doch den Keim einer unerwarteten Gelegenheit, und das nährt unser Zukunftsvertrauen.



Mikronzert #1: Warum?

Video
Luis August Krawen

Musik

Jörg Widmann: Aus Elf Humoresken für Klavier solo: VI – Warum?
Robert Schumann: Aus Märchenerzählungen op. 132: III. Ruhiges Tempo, mit zartem Ausdruck
Johannes Brahms: Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen für Chor a cappella, op. 74, 1
Arnold Schönberg: Warum bist du aufgewacht?
György Ligeti: Nouvelles aventures
Robert Schumann: Aus Fantasiestücke Op. 12 für Klavier solo: III. Warum?

Interpreten
Kent Nagano
Rupert Burleigh
Bernhard Hansky
Volker Krafft
Katharina Konradi, Jana Kurucová, Georg Nigl
Harvestehuder Kammerchor
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Über das Programm

Im ersten Konzert bezeichnet ein einziges Wort ein zeitloses Rätsel: Wozu dient unser Dasein, unser Streben? Das Programm wird von kurzen Klavierstücken von Jörg Widmann und Schumann eingefasst, die beide den Titel „Warum?“ tragen. Widmann lädt die Interpreten seiner Elf Humoresken von 2007 ein, diese „mal spöttisch, dann wieder trocken, hier melancholisch verhangen“ zum Klingen zu bringen. Ironische Distanz ist in weitaus größerem Maße in György Ligetis Nouvelles aventures vorhanden mit ihrer theatralischen Absurdität, mit der in einer „großen hysterischen Szene“ die Sopranistin als wahnsinnige Belcanto-Heldin posieren darf. Eine ganz andere Orientierung weist Johannes Brahms fragende Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ für Chor a cappella auf. Ihr erster Satz basiert auf einer Bibelpassage (Hiob 3:1-26) voller existenzieller Fragen nach der Misere menschlichen Lebens; Brahms' Komposition entstand als Reaktion auf den Tod eines engen Freundes. Die riesige Zeitspanne, die die Musik dieses Eröffnungsprogramms umfasst – vor allem, wenn man Brahms' Beschwörung eines älteren geistlichen Chormusikstils und Widmanns ironischen Rückwärtsblick auf Schumann mit einbezieht – regt zur Reflektion an. Fragen nach dem Sinn unseres Lebens bringen unsere Kapazität zu Verständnis und Mitgefühl an ihre Grenzen, aber Kunstwerke schärfen unsere Einsicht und bieten unserem Kummer Trost. (William Kinderman)

Über Luis August Krawen

Luis August Krawen wuchs in Berlin auf, war langjähriges Mitglied bei P14 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Seitdem ist er als freier Videokünstler tätig sowie seit 2020 Artist in Residence der Münchner Kammerspiele. Mit „Pierrot Lunaire / La Voix Humaine“ arbeitete er 2020 erstmals mit Georges Delnon und Kent Nagano an der Staatsoper Hamburg zusammen.



Mikronzert #2: Eine neue Welt

Video
Jonas Englert

Musik
Heitor Villa-Lobos: Sexteto Mistico
Ludwig van Beethoven: Aus Elf Bagatellen op. 119, 7 „Allegro ma non troppo“
Anton Webern: Fünf Stücke für Orchester op. 10
Claude Debussy: Danse sacrée et danse profane
Toshio Hosokawa: Im Frühlingsgarten

Interpreten
Kent Nagano
Rupert Burleigh
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Über das Programm

Heitor Villa-Lobos war ein Musiker aus Rio de Janeiro, vornehmlich Autodidakt, dessen einzigartiges Kammermusikwerk Sexteto Místico 1917 komponiert, aber erst 1963 uraufgeführt wurde, nachdem die lange verschollene Partitur von Villa-Lobos selbst aus dem Gedächtnis rekonstruiert wurde. Das Stück beschwört die unerforschten Randgebiete Brasiliens, wobei es Musik sowohl von indigenen wie auch vormals versklavten Völkern afrikanischer Herkunft miteinbezieht. Die Orchestrierung vermischt zwei gegensätzliche Gruppen: drei Bläser (Flöte, Oboe, Saxophon) und drei farblich herausragende Instrumente (Gitarre, Harfe und Celesta). Diese Musik aus der „neuen Welt“ verrät manchmal den Einfluss Claude Debussys, dessen Danse sacré et danse profane ebenso die Harfe in den Mittelpunkt stellt. Die kontrastierende Dualität zwischen dem Heiligen und dem Profanen besteht auch zwischen Geist und Körper, Himmel und Erde. Der sanfte Walzer der danse profane führt in einen kreisenden Tanz mit fein ziselierten Harfenornamenten, bevor die letzten Töne diese Vision verscheuchen, als würde das Publikum aus einem Traum geweckt, der sich im Tageslicht verliert.
Villa-Lobos beschrieb seine Werke als „Briefe an die Nachwelt, auf die keine Antwort erwartet wird“ – eine Beschreibung, die ebenso zutrifft auf die bahnbrechenden Kompositionen von Beethoven, Webern und Hosokawa, die ebenfalls Teil des Programms bilden. Beethovens siebte Bagatelle aus seinem Opus 119 ist ein Ableger seiner monumentalen Diabelli-Variationen op. 120. Dieses präzise Stück beginnt mit verschlungenen Stimmen und einem verräterischen Triller, die einer tänzerischen Stimmung den Weg bereiten. Der Triller kehrt bald mit Macht zurück: Er wird immer schneller, und sein erstaunlicher Höhepunkt zeigt, wie die Keimzellen der Ewigkeit in bescheidenem, alltäglichem Material verborgen sein können. Anton Weberns Fünf Stücke für Orchester op. 10 sind von zeitloser Dichte: subtile Miniaturen, die eine ganze Generation von Avantgarde-Komponisten nach Weberns tragischem Tod im Jahr 1945 inspirierten. Toshio Hosokawas Im Frühlingsgarten von 2002 für fünf Streichinstrumente, zwei Klarinetten, Horn und Flöte illustriert eine tiefe Naturverbundenheit. Dies ist eine Musik der Erneuerung, die anregende Lebenskräfte durch Klang vermittelt. Wie Hosokawa selbst es ausdrückte: „Wir hören individuelle Töne und werden uns gleichzeitig des Vorgangs bewusst, durch den Töne geboren werden und sterben: eine Klanglandschaft des ständigen ‚Werdens‘, das in sich selbst beseelt ist.“ (William Kinderman)

Zur Visualisierung
„Eine neue Welt“ basiert auf gliedert sich in fünf Teile, bzw. Stücke [I-V], fünf bewegtbildliche Auseinandersetzungen mit dem Konzept von der Welt, in Klammern eines Pro- und Epilogs, unter Rückgriff auf Found Footage, Videomaterial des Staatsorchesters und Aufnahmen des Künstlers. Eine musikalisch-poetische Videoarbeit, in der die einzelnen Teile je verschieden in sich funktionieren, im Ganzen dann in ein Verhältnis zu einander gesetzt werden, das eine größere Geschichte, einen größeren Zusammenhang erzählt: vom Entstehen von Welt als das Leben an sich, als Mysterium von Raum und Zeit, mikroskopisch dort, wo Leben beginnt [I], vom Bakteriellen in den Raum [II], zum Gesicht, dem Blick, dem Nonverbalen als Metapher für das Dialogische an sich [III], vom Kopf zum Fleischlichen, zur Materialität des sozialen Körpers in der Masse, den Dualismen von Freiheit und Staatsgewalt [IV], bis zum Verlassen dieser Welt, einsam, als technisches Artefakt, nach einer neuen suchend [V]. (Jonas Englert)

Über Jonas Englert

Jonas Englert ist ein deutscher Künstler. Seine Arbeiten sind Teil der Sammlungen des Hirshhorn Museum, Washington, D.C., des Museum of Fine Arts, Boston, der Sammlung Ivo Wessel und privater Sammlungen. Darüber hinaus entstanden diverse Arbeiten im theatralen Kontext, u. a. am Nationaltheater Mannheim, Staatsschauspiel Dresden, Staatstheater Hannover, Theater Bonn und am Berliner Ensemble. Englert wird von der Galerie Anita Beckers vertreten und lebt in Frankfurt am Main.



Mikronzert #3: Lieder von der Erde

Video
Zbig Rybczyński & Dorota Zglobicka

Musik
Gustav Mahler: Aus Das Lied von der Erde: „Von der Jugend“
Leoš Janáček: Aus Auf verwachsenem Pfade – Zyklus Nr. 1: 3 „Kommt mit!“
Béla Bartók: Aus Dorfszenen SZ 79: 3 Lieder
Arnold Schönberg: Friede auf Erden für Chor a cappella op. 13

Interpreten
Kent Nagano
Klaus Florian Vogt
Hellen Kwon, Gabriele Rossmanith, Kristina Stanek, Kady Evanyshyn
Rupert Burleigh
Rundfunkchor Berlin
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Über das Programm

Das Thema des Programms „Lieder von der Erde“ – die Ähnlichkeit mit Gustav Mahlers Titel „Das Lied von der Erde“ von 1909 nach chinesischen Gedichten ist beabsichtigt – ist heute dringlicher als vor einem Jahrhundert, angesichts der Auswirkungen der Erderwärmung und des Klimawandels. Ältere ländliche Lebensformen sind zunehmend bedroht und verändern sich tiefgreifend. Die Werke von Leoš Janáček und Béla Bartók dagegen spiegeln Verbundenheit mit dem Landleben. Die eröffnende Sprachmelodie von Janáčeks „Kommt mit!“ aus seinem Klavierzyklus Auf verwachsenem Pfade nimmt die Titelmelodie eines beliebten mährischen Volkslieds auf, das die Worte „Kommt mit uns, ihr Jungen“ enthält. Bartóks drei Lieder aus den Dorfszenen sind Bearbeitungen dreier slowakischer Volkslieder für Kammerchor und Orchester von 1926. Die drei Stücke („Hochzeit – Wiegenlied – Burschentanz“) bilden eine formelle Einheit von drei Sätzen nach dem schnell-langsam-schnell Muster: vivacissimo – andante – comodo. Diese Bearbeitungen lassen den lebendigen, authentischen Charakter des slowakischen Landlebens auferstehen.
Arnold Schönbergs Friede auf Erden für Chor a cappella wurde 1906/07 konzipiert, kurz vor seiner experimentellen künstlerischen Reise in die Pantonalität, wie sie zum Beispiel seine Vertonung von Stefan Georges Text „Ich fühle luft von anderem planeten“ im Streichquartett Nr. 2 op. 10 verkörpert. Für Friede auf Erden wählte Schönberg ein Weihnachtsgedicht von Conrad Ferdinand Meyer, ein Text, der auch mit Bertha von Suttners Friedensbewegung assoziiert wurde. In Schönbergs Werk ist die Verbindung zwischen Frieden und Göttlichkeit spürbar: Das Verhältnis von musikalischer Dissonanz zu Konsonanz spiegelt den Kontrast zwischen friedloser Realität und idealer Harmonie wider. Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, konnte sich Schönberg dieses Ideal nur als Illusion vorstellen und hielt „reine Harmonie unter den Menschen“ für undenkbar. (William Kinderman)

Über Zbig Rybczynski & Dorota Zglobicka

Zbig Rybczyński und Dorota Zglobicka sind preisgekrönte Filmemacher, deren gemeinsame Filmprojekte, die sie seit 2010 produzieren, sowohl in den USA als auch in Europa präsentiert worden sind.
Zbig Rybczyński hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter einen Oscar, einen Emmy, drei MTV Awards und eine Silberne Palme in Cannes. Er produzierte Musikvideos u. a. für Mick Jagger, Yoko Ono, Lou Reed, Grand Master Flash und Simple Minds. Indem er neue, innovative Technologien verwendete, entwickelte er das Patent für zahlreiche Filmtechniken, u. a. motion control, optics und image compositing. Darüber hinaus inszenierte und produzierte er über 50 Filme.
Dorota Zglobicka hat mit verschiedenen Filmformen gearbeitet, von Videokunst und Kurzfilmen bis hin zu Dokumentarfilmen, die sich mit kritischen sozialen Themen wie Korruption in der Politik und sozialer Ungerechtigkeit befassen. Bis dato hat sie über 30 Filme inszeniert und produziert, darunter preisgekrönte Werbungen in Europa und den USA.
2015 gründeten Rybczyński und Zglobicka die Gila Monster Studios in Arizona (USA). Momentan arbeiten sie am neuesten Filmprojekt betitelt „Thee Designer“.



Mikronzert #4: Zeit und Erinnerung

Video
Kamila B. Richter & Michael Bielicky

Musik
Claude Debussy: Syrinx
Pierre Boulez: Mémoriale (...explosante-fixe...Originel)
Johann Sebastian Bach: Aus Die Kunst der Fuge: „Contrapunctus IV und V“
Henri Dutilleux: Aus Le temps suspendu: „Ainsi la nuit“
Olivier Messiaen: Aus Quatuor pour la fin du temps: Nr. 6 „Danse de la fureur“

Interpreten
Kent Nagano
Manuela Tyllack
Rupert Burleigh
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Über das Programm

Pierre Boulez' Mémoriale erwuchs aus dem Stück „... explosante-fixe ...“ von 1971, das er zum Gedenken an Igor Strawinsky schrieb. Der Titel bezieht sich auf die letzte Zeile des ersten Kapitels von André Bretons Roman L'amour fou von 1937, einem Klassiker der Surrealisten-Bewegung. Das Stück von Boulez erlebte diverse Bearbeitungen und Reinkarnationen; es enthält Anspielungen auf Strawinskys eigene Werke zum Gedenken an andere und betont dabei die Note Es, ein weiterer Verweis auf den russischen Komponisten. Boulez' Werk wird somit zur Matrix des Gedächtnisses. Johann Sebastian Bachs monumentale Kunst der Fuge ist ein weiteres Werk, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Das Werk, das keine spezifischen Instrumente vorsieht, war zum Zeitpunkt des Todes des Komponisten 1750 unvollendet. Kurz bevor das Manuskript abbricht, führte er das viertönige chromatische Thema B-A-C-H ein, ein Kürzel seines eigenen Namens. Bachs musikalische Signatur am Ende der unvollendeten Kunst der Fuge ist eine Geste, die reich an Implikationen ist und die scheinbare Fixation auf kulturelle Werke der Geschichte herausfordert und gleichzeitig sprengt.
Der abschließende siebte Satz von Ainsi la nuit, dem Streichquartett von Henri Dutilleux von 1976, trägt den Titel „Temps suspendu“ („Ausgesetzte Zeit“). Die Technik graduellen Wachstums, die Dutilleux anwendet, verwendet Motive, die Wendungen früherer Passagen aufgreifen oder Themen späterer Werkteile vorwegnehmen. Diese Prozesse erinnern an literarische Techniken Marcel Prousts und dessen Vorstellung von „unabsichtlicher Erinnerung“. Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier wurde 1941 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Görlitz uraufgeführt, wo der Komponist interniert war. Den Höhepunkt, den sechsten Satz, „Tanz der Raserei für die sieben Trompeten“, beschreibt Messiaen wie folgt: „Die vier Instrumente ahmen unisono die Gongs und Trompeten nach: die sechs Trompeten der Apokalypse, denen verschiedene Katastrophen folgen. Die Trompete des siebten Engels verkündet die Vollendung des Geheimnisses Gottes.“ Für Messiaen ist dies „Musik aus Stein, aus furchterregendem, sonorem Granit, eine unwiderstehliche Bewegung aus Stahl, ungeheure Blöcke von purpurner Raserei, von eisiger Trunkenheit“. (William Kinderman)

Über Kamila B. Richter & Michael Bielicky

Kamila B. Richter und Michael Bielicky, geboren in Tschechien, untersuchen in ihren Arbeiten das Verhältnis von Realität und Simulation, Wahrnehmung und Erfahrung und experimentieren im Sinne einer „Infoart“ mit Datenvisualisierungstechnologien. In ihren Installationen reduzieren sie Inhalte der Nachrichtenindustrie auf sich wiederholende Schlagzeilen und Stichworte, die sie in eine dynamische Piktogrammsprache übersetzen, um so die Muster von Informationen aufzuzeigen, die uns heute scheinbar mit der Wirklichkeit verbinden.

Zur Visualisierung

Claude Debussy: Syrinx (1913)
Debussy markiert den Beginn moderner Zeiten in der Musik. Das Pianissimo von Syrinx rhythmisiert den Fluss der Piktogramme wie kein anderes Stück im Rahmen der Mémoriale(s). Von der zitternden Gemächlichkeit bis zu kaum noch wahrnehmbaren, harmonischen Hochgeschwindigkeitssprüngen, die kaum noch in 60 Bildern pro Sekunde Ihren Platz finden, thematisiert diese Animation die bewegte Zeit in der Musik.

Pierre Boulez: Mémoriale (...explosante fixe...Originel) (1971)
Wir suchen im Alltag nach der davoneilenden Zeit, individuell, aber vor allem im Kollektiv. Die Suche nach der Zeit kann nur in der Erinnerung stattfinden, denn Erinnerung ist wiederentdeckte Zeit. Die Bemühung die wiederentdeckte Zeit, die flüchtige Zeit durch technische Prothesen haltbar zu machen fällt auf uns zurück. Die Beobachtung der Welt durch Gadgets verändert uns, die Prothesen rücken uns immer mehr auf den Leib. Unsere Fähigkeit zur Erinnerung und letztendlich auch das was sich zu erinnern lohnt ändert sich rasant. Das Ewige und Harmonische weicht den kurzweiligen Spiralen technischer Bilder.

Johann Sebastian Bach: Die Kunst der Fuge (1751) Contrapunctus IV
Bach markiert den Beginn der Zeit in der Musik. Die Kunst der Fuge rhythmisiert den Fluss der Piktogramme durch zwei parallele Animationsflüsse, die die Komplexität der Imitationen, die verschiedenen zeitlich versetzten Stimmen illustriert. Die stehengebliebene, notierte, gezähmte und kontrollierte Zeit von Botschaften, wird rhythmisch durch den drohenden Untergang des vitruvianischen Menschen durchbrochen, eine Prophezeiung, die sich heute im spiralförmigen Diktat der digitalen Kommunikationsflüsse zu bestätigen scheint. Die Zeit der „Kathedralen“, die Zeit des Aufbaus wird nicht zuletzt auch figurativ durch den weltberühmten Brunnen in Rom angedeutet.

Die Kunst der Fuge (1751): Contrapunctus V
Bach markiert den Beginn der Zeit in der Musik. Die Kunst der Fuge rhythmisiert den Fluss der Piktogramme durch zwei parallele Animationsflüsse, die die Komplexität der Imitationen, die verschiedenen zeitlich versetzten Stimmen illustriert.
Die stehengebliebene und gezähmte Zeit der natürlichen Oase eines traumhaften Sandstrands wird durch die piktographischen Tropen der weltumspannenden Hungersnöte durchbrochen. Die Tropen der Hungersnot werden final von der kollektiven Ebene auf die einer Individualfamilie gebrochen, auf der uns diese Schicksale erst begreiflich werden.

Henri Dutilleux: Ainsi la nuit aus Le temps suspendu
Dutilleux markiert das Ende der Zeit in der Musik. In der Kürze eines Satzes von nur 2 Minuten rhythmisiert das Streichquartett das Ende unserer natürlichen Beziehung zum Nutztier. In drei dramatischen Zügen wird dieses Ende im Rahmen der Industrialisierung und Digitalisierung thematisiert.

Olivier Messiaen: Danse de la fureur
Wir suchen im Alltag nach der stehengebliebenen Zeit, individuell, aber vor allem im Kollektiv und finden diese zum Teil in der spirituellen und geistlichen Zeit. Mehr noch als in den vergangenen Jahren entdecken in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen und der Eindämmung sozialer Kontakte immer mehr Menschen die spirituelle Zeit als Refugium. Dass in den vergangenen Jahren das Geistliche und Spirituelle vor allem dazu genutzt wurde territoriale und mediale Kriege zu führen, thematisiert diese Animation. In den Strom befürchteter Anschläge auf Wahrzeichen der westlichen Welt mischen sich abstruse Wahnvorstellungen von „den säbelschwingenden Gefährdern“. Final gibt die Animation zu erkennen, dass vor allem die medial säbelschwingenden Interessenträger die Verursacher und vor allem Profitierende der War On Terror waren. Durch wiederholte Zeit werden hier piktographische Tropen variiert und neu gemischt um auf den wahren Gehalt eines medialen Phänomens hinzuweisen.



Mikronzert #5: Freude

Video
Virgil Widrich / tx-transform Technik: Martin Reinhart

Musik
Federico Mompou: Aus Charmes: Nr. 6 „Pour appeler la joie“
Darius Milhaud: Aus Sonate für Flöte, Oboe, Klarinette und Klavier op. 47: II. „Joyeux“
Hans Werner Henze: Aus Kammerkonzert 05: II. „Notturno“
Paul Hindemith: Kammermusik op. 24 Nr. 1
Iannis Xenakis: Rebonds B für fünf Wood-blocks und fünf Felle

Interpreten
Kent Nagano
Rupert Burleigh
Fabian Otten
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Über das Programm

„Um die Freude heraufzubeschwören“ – das letzte Stück aus dem empfindsam-poetischen Klavierzyklus Charmes, den der katalanische Komponist Federico Mompou 1921 schrieb – eröffnet den letzten Teil unseres Gesamtzyklus von Konzerten mit einem Thema voller Resilienz und Jubel. Darius Milhauds Sonate für Flöte, Oboe, Klarinette und Klavier von 1918 wurde in Rio de Janeiro komponiert, weist aber keinerlei brasilianisches Kolorit auf. Ihr zweiter Satz mit dem Titel „Joyeux“ ist geprägt von mitreißenden Rhythmen und cleveren Figurationen, Trillern und Rouladen und schafft dadurch köstlich leuchtende Klanggewebe.
Ein weiteres Nachkriegswerk ist Paul Hindemiths viersätzige Kammermusik Nr. 1 op. 24 aus dem Jahre 1922, instrumentiert für Flöte, Klarinette, Fagott, Trompete, Akkordeon, Klavier sowie Streichquintett und Schlagwerk. Damals galt Hindemith als „enfant terrible“ der Musik, da er die nationalistischen Tendenzen in Deutschenland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg in Frage stellte. Ein beleidigter Kritiker reagierte auf seine Kammermusik so: „Man steht einer Musik gegenüber, wie sie zu denken, geschweige zu schreiben, noch nie ein deutscher Komponist von künstlerischer Haltung gewagt hat, einer Musik von einer Laszivität und Frivolität, die nur einem ganz besonders gearteten Komponisten möglich sein kann.“ Hans Werner Henzes „Notturno“ aus seinem Kammerkonzert für fünfzehn Spieler (2005) hat eine Geschichte, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückreicht, bis zu seiner Symphonie Nr. 1 von 1947, in der diese Musik den langsamen Mittelsatz bildete. Auch dies ist ein Nachkriegswerk, Kunstmusik fern jedes Nationalismus. Das „Notturno“ stellt – Hindemith gleichsam stilistisch zunickend – die Viola in den Vordergrund mit sinnlicher Lyrik und einer geheimnisvoll transparenten Instrumentierung, die in sanften Tönen des Schlagwerks kulminiert und verebbt. (William Kinderman)

Über Virgil Widrich

Virgil Widrich, geboren 1967 in Salzburg, arbeitet an zahlreichen Film- und Multimedia-produktionen. Er ist einer der Gründer und Geschäftsführer der Multimediaproduktionsfirma checkpointmedia GmbH, Professor für Art & Science an der Universität für angewandte Kunst Wien und Inhaber und Geschäftsführer der Virgil Widrich Film- und Multimediaproduktions GmbH.


Credits

Die Mikrokonzerte sind ein Projekt von Kent Nagano aus den Jahren 2020-2021. Der Essay „Krise und Erneuerung" von William Kinderman ist ein Originalbeitrag für dieses Projekt. Die Visualisierungen sind von Luis August Krawen, Jonas Englert, Zbig Rybczynski & Dorota Zglobicka, Kamila B. Richter & Michael Bielicky und Virgil Widrich erstellt worden, die Nutzungs- und Verwertungsrechte liegen beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Die Musikwerke bzw. Toneinspielung wurden durch die Verlage Schott Music, Universal Edition (Wien), Eschig, ALPHONSE LEDUC EDITIONS MUSICALES (Paris), Durant, Salaband, Edition Peters, Ricordi, Universal Music bzw. Hammonia Mundi/PIAS lizensiert.

Produktion

Produzent: Georges Delnon
Produktionsleitung: Hannes Rathjen
Recording: Wolfram Nehls, Thomas Bößl, Sebastian Nattkemper, Clémence Fabre (alle Werke, sofern nicht anders angegeben),
Ulrich Holst (Brahms), Erdo Groot & Karel Bruggemann (Ligeti), Martin Sauer, Tobias Lehmann, René Möller (Schönberg „Friede auf Erden“)
Koordination: Hannes Rathjen, Susanne Fohr, Tobias Behnke, Annika Donder, Isabelle Gabolde, Teams des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg und der Hamburgischen Staatsoper

© Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (2022)

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